Industrial Design, Shabby Chic & Mehr: Rustikale Wohnstile im Trend

Die letzte Dekade brachte eine große Zahl neuer spannender Einrichtungstrends hervor. Dabei dominierten interessanterweise eher rustikale Vintage- und Retrotrends, die auf Möbel und Accessoires vergangener Zeiten setzen. Praktisch für Handwerker: Sie lassen sich relativ leicht selbst realisieren.

Viele gute Gründe für die Vintage-Welle

Angefangen hatte es schon zu Beginn der Dekade mit Trends wie Shabby Chic und Upcycling. Statt immer wieder neue teure Möbel aus dem Möbelhaus zu kaufen, streifte eine neue urbane Generation lieber über Flohmärkte auf der Suche nach alten Schätzen. Diese wurden dann mit wenig Geld liebevoll wieder hergerichtet. Alte Holzmöbel wurden abgeschmirgelt und neu gestrichen und aus unzähligen Obst- und Weinkisten wurden Tische und Wandregale.

Mit dem steigenden Bewusstsein für Nachhaltigkeit und der Plünderung der natürlichen Ressourcen nahm dieser Trend eher noch zu. Social Media spielte eine weitere wichtige Rolle hier: Kanäle wie Pinterest und Instagram sorgten nicht nur für Inspiration, sondern auch für eine weltweite Bühne, auf der sich die eigenen Werke präsentieren lassen.

Dazu kam die Erkenntnis, dass alte handgefertigte Möbel aus hochwertigen Materialien wie Leder und Massivholz wesentlich länger leben als die bei Discountern angebotene Fertigware und die Flatpacks aus Schweden. Dies führte zu einer Renaissance klassischer handgefertigter Ledermöbel für das Wohnzimmer und schwerer Holztische für das Esszimmer und die Küche. Bei guter Pflege mit Lederfett können Ledersofas und –sessel über Jahrzehnte fast wie neu wirken. Auch regelmäßig geöltes Holz bleibt viele Jahre erhalten und Omas früher als altmodisch verlachter Büffetschrank wurde auf einmal zum begehrten Erbstück.

Klassische Materialien verbreiten Gemütlichkeit

Ein dritter Grund für die Renaissance klassischer Möbel: Sie wirken gemütlich und einladend. Je ungemütlicher und rauer die Welt da draußen zu werden scheint, umso mehr werden die eigenen vier Wände als Rückzugsort begriffen. Stichwort Hygge, ein weiterer ganz großer Trend der letzten Jahre, der auf Behaglichkeit abzielt.

Der Minimalismus vergangener Jahre mit kaltem Chrom und hochglänzenden Oberflächen, der eher an Designer-Möbelstudios und Großstadt-Lofts als Drittwohnungen für Manager erinnerte, hatte da keine Chance mehr. Da wirken das breite Ledersofa mit seinen dicken Polstern und kuscheligen Decken und Überwürfen und der mit bunten Kissen ausgelegte Hängesessel doch viel einladender.

Die Möbel sind jedoch nur ein Element der Retrowelle. Die Räume selbst änderten sich ebenfalls. Nackte weiße Wände mit einem künstlerisch anspruchsvollen Schwarz-Weiß-Print wurden gegen ganz viel Farbe getauscht. Die einen strichen die Wände in dunklen warmen Farben wie Violett, die anderen holten die geblümelten Tapeten des Biedermeier aus der Versenkung.

Das sogenannte Industrial Design steuerte nackte Backsteinwände bei. Wo sich diese in der modernen Großstadtwohnung nicht realisieren lassen, helfen Wandtapeten nach: Sie simulieren Backsteinwände, dicke Naturmauern im mediterranen Stil oder schwere alpine Holzbohlen. So wird aus dem Appartement im Szeneviertel (scheinbar) ein Chalet in den Schweizer Bergen oder eine Finca auf Mallorca.

Es darf wieder kitschig sein

Pinke Samtlampenschirmchen mit Fransen? Ein schillernder Kristalllüster an der Decke? Porzellanpuppen im Regal? Was lange Zeit alten Damen mit überdurchschnittlich vielen Katzen als Haustieren vorbehalten schien, ist heute wieder Mainstream. Einen wesentlichen Beitrag dazu leistete ausgerechnet das Fernsehen, wo es einer neuen Generation Designer nicht kitschig und schrill genug sein konnte. Die Antiquitätenshow „Bares für Rares“ versammelt so viele junge Zuschauer vor dem Fernseher wie lange keine Sendung der öffentlich-rechtlichen Sender mehr.

Viele mischen Möbel und Accessoires verschiedener Epochen, andere legen sich auf ein bestimmtes Jahrzehnt fest: Die überbordende goldene Pracht der 20er-Jahre mit Möbeln im Art Deco-Stil gehört ebenso zu den Trends wie die Swinging Sixties mit knallig-bunter Pop-Art und psychedelischen Grafiken. Aus den 70ern gesellen sich der Flokati-Teppich und Macramée-Werke für die Wände hinzu, die ebenfalls warme Gemütlichkeit ausstrahlen.

Eine Besonderheit ist das Industrial Design, das an alte Fabriklofts erinnern soll: Spinde aus Blech statt Schränken spielen hier ebenso eine Rolle wie schwere leicht abgenutzte Holzmöbel mit Metallelementen. Die Lampen dieser Welle mit kupfernen Lampenschirmen oder Metallgeflechten um übergroße Glühbirnen sind nicht nur in fast jedem Kaffeehaus der Trendviertel zu finden, sondern haben auch Privathaushalte erobert.

Was bei allen Vintage-Trends zu beachten ist

Wer mit dem Gedanken spielt, die eigene Wohnung oder das eigene Haus von Kopf bis Fuß umzukrempeln, sollte sich dies gründlich überlegen. Für einige Wochen mag es interessant sein, jeden Abend scheinbar in die 50er-Jahre zurückzukehren oder sich unter funkelnden Kronleuchtern wie in einem Palast zu fühlen. Doch auffälliges Design kann schnell ermüden.

Besser ist es, zunächst nur einen einzigen Raum im gewünschten Stil einzurichten und zu dekorieren oder einzelne sorgfältig ausgewählte Möbelstücke anzuschaffen: Ein toller Retro-Kühlschrank im Stil der Fifties zum Beispiel oder ein herrlich gemütliches Chesterfield-Sofa. Gefällt der Raum nach einigen Monaten noch immer, können auch die anderen Zimmer nach und nach renoviert werden. Der Vorteil einer größeren Zeitspanne: Mehr Zeit, um auf Flohmärkten und online genau die richtigen neuen Lieblingsstücke für die eigene Vintage-Einrichtung zu finden. Und wenn die Lust daran dann irgendwann doch abgeflaut ist, bleibt ein Trost: Antiquitäten und Retro-Möbel finden mühelos einen neuen Abnehmer.

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